Sargas
18-09-04, 09:52
Hallo Community,
ich hab mich endlich durchgerungen und versucht, den Anfang einer Story zu schreiben. Dazu muss ich sagen, dass es keinen Bezug zu ig-Ereignissen gibt gibt, sondern der erste, stolpernde und zaghafte Versuch ist, ein wenig schriftstellerisch tätig zu sein. Ja, ich weiss, schriftstellerisch ist ein grosses Wort, aber mir fiel kein besseres ein. Seht es einfach als ein wenig von mir abgeschwächt gebraucht ;)
Ich möchte Euch bitten, mir Feedback und Kritik jeglicher Art zukommen zu lassen (ausser purem Geflame, das bringt mir ja nix :) ).
Und an die Mods: Bitte nicht in den RP-Bereich verschieben. Es hat wie gesagt nichts mit ig-Ereignissen zu tun. Ich habe den NC-Hintergrund genommen, weil er mir eine Welt zur Verfügung stellt, in der ich mich einigermassen auskenne.
Und nun die Geschichte:
Michael rannte stolpernd durch die verlassenen Strassen, die von baufälligen Häusern gesäumt wurden. Dabei musste er immer wieder wilden Müllhalden und ausgebrannten Fahrzeugwracks ausweichen. Seine Lunge fühlte sich an, als wenn sie jeden Augenblick platzen würde. Aber er nahm keine Rücksicht darauf, denn er wusste, dass es keine Rolle mehr spielen würde, wenn er nicht durchhielt. Beim Laufen presste er den linken Arm an seinen Körper und versuchte, ihn möglichst ruhig zu halten. Dennoch rasten immer wieder Wogen des Schmerzes durch seine Nerven, die sich direkt bis in sein Gehirn zu brennen schienen und schwarze Punkte vor seinen Augen tanzen ließen.
Verdammt! Worauf hab ich mich nur eingelassen? Dieser Gedanke schoss ihm zum tausendsten Mal durch den Kopf, seitdem er den Startpunkt hinter sich gelassen hatte.
Plötzlich stolperte er über einen Pflasterstein, der unter dem überall wuchernden Unkraut verborgen war. Er versuchte noch, den Sturz zu verhindern, aber sein Schwung riss ihn mit sich. Mit einer unbeholfenen Drehung gelang es ihm, nicht direkt auf das Gesicht zu stürzen, sondern sich über die rechte Schulter einigermaßen abzurollen. Dabei zerriss er sich das ohnehin schon kaputte Hemd endgültig und zog sich weitere blutige Kratzer zu. Als er auf dem Rücken aufschlug, knallte sein Ellbogen gegen den harten Boden. Der Schmerz, der daraufhin in seinem gebrochenen Arm explodierte, raubte ihm für Sekunden das Bewusstsein.
Mit einem Stöhnen und Husten kam Michael schließlich wieder zu sich. Während er darum kämpfte, nicht wieder in die Bewusstlosigkeit zu gleiten, leckte er sich über die aufgeplatzten Lippen. Er schmeckte Blut. Wider besseres Wissens lag er einige Augenblicke einfach nur da und schnappte nach Luft, bevor er sich auf die Seite wälzte und sich halb auf den gesunden Arm aufstützte.
In dem Moment spritzten dort, wo er gerade noch gelegen hatte, Steinsplitter und Dreck auf, und das Geräusch eines Querschlägers erklang, der pfeifend davonflog. Er zuckte zusammen und wurde blass im Gesicht. Entsetzt sprang er auf und verschwendete keine Zeit damit, sich nach dem Schützen umzusehen, sondern spurtete in Richtung eines halb verfallenen Gebäudes, dessen Tür halb herausgerissen worden war. Er wusste, dass sein Jäger wahrscheinlich nicht einmal in der Nähe war, sondern ihn aus der Distanz von einem der Häuser oder Türme, von denen es hier mehr als genug gab, durch das Zielfernrohr seines Scharfschützengewehres beobachtet hatte, bevor er den Schuss auf ihn abgab.
Als er zu seiner eigenen Verwunderung das Gebäude erreichte, ohne von einer zweiten Kugel getroffen zu werden, warf er sich durch den Türbogen in den dahinter liegenden Raum. Sofort rappelte er sich wieder auf, stolperte zurück zu der Wand, in der sich die Tür befand, und duckte sich unter das Fenster.
Scheiße! So eine verdammte Scheiße! Was warst du nur für ein Hornochse! dachte Michael schwer atmend, als er den Schweiß, der ihm in die Augen gelaufen war, mit dem Unterarm wegwischte. Er beugte sich leicht zur Seite und riskierte einen Blick durch die Tür nach draußen, zog aber sofort wieder den Kopf zurück, als ihm klar wurde, dass er damit ein ziemliches Risiko einging.
Wieder leckte er sich über die Lippen, spuckte dieses Mal das Blut aus, und versuchte, die Schmerzen zu ignorieren.
Mit geschlossenen Augen lehnte er den Kopf gegen die verwitterte Wand, von der der Putz bereits in großen Stücken abgeblättert war, so dass das rohe Mauerwerk darunter zum Vorschein kam. Er erinnerte sich an die schicksalhafte Begegnung vor einigen Tagen. Er saß an dem kleinen Tisch in der schummerigen Ecke in der heruntergekommenen Bar und war wie so oft dabei, sich zu betrinken, weil es nicht mehr viel anderes gab, was er noch machen konnte. Es war bereits später am Abend, und die Bar war gut besucht. Die Kundschaft bestand vor allem aus Leuten, die am unteren Ende der Gesellschaft rangierten: Kleinkriminelle, Punks, Mitgliedern von Straßengangs, die man an ihren Tatoos oder anderen Abzeichen erkannte, und Prostituierten und Shadowrunnern, beide auf die eigene Art und Weise auf der Suche nach Aufträgen. Er war schon zweimal von leichten Mädchen angesprochen worden, und jedes Mal musste er sie wieder wie Insekten verscheuchen.
Trübsinnig betrachtete er die Flasche Jacks vor sich, als ein Schatten auf den Tisch fiel. In der Annahme, es sei wieder eine Hure auf der Suche nach Kundschaft, machte er ohne aufzublicken eine wegwischende Handbewegung und knurrte: „Verschwinde! Ich hab kein Geld für sowas!“ Als der Verursacher des Schattens noch immer nicht ging, sah Michael hoch. Was er sah, passte so in etwa in diese heruntergekommene Bar wie ein Mutant nach Via Rosso. Der hochgewachsene schlanke Mann vor ihm trug einen Anzug aus schwarzem Stoff, dem man ansah, dass er teuer und maßgeschneidert war. Michael lehnte sich zurück und betrachtete den Fremden eingehend. Unter dem Anzug konnte er ein dunkelblaues Hemd aus einem schimmernden Stoff und eine passende Krawatte erkennen. Wahrscheinlich war beides aus Seide, aber sicher war er sich nicht. Schließlich gehörte er nicht zu den Leuten, die genug Credits besaßen, sich so etwas leisten zu können. Das kurze Haar schien dunkelbraun oder schwarz zu sein. Genau konnte Michael es im Halbdunkel nicht erkennen. Der Fremde schaute mit einem kalten Lächeln aus dunklen Augen auf Michael herab, bei dem ihm ein Frösteln den Rücken hinab lief. Es erinnerte ihn an ein Raubtier, dass seine Beute beobachtete.
„Is’ was?“ Michael versuchte erst gar nicht, freundlich oder diplomatisch zu sein.
Der Fremde deutete auf den Platz Michael gegenüber. „Haben Sie was dagegen, wenn ich mich setze?“
Michael schaute an ihm vorbei durch die rauchgeschwängerte Luft in Richtung Tresen. Dort hatte sich trotz der Enge in der vollen Bar eine kleine Insel gebildet, in deren Mitte zwei Männer standen. Ihre Größe und muskulöse Statur kennzeichneten sie eindeutig als GenTanks. Beide waren mit der für Mitglieder der Black Dragons typischen schwarzen Weste auf nacktem Oberkörper und der schwarzen Lederhose bekleidet und trugen schwere Pistolen in Holstern unter dem linken Arm. Während der kleinere der beiden den Tisch mit Michael und seinem Boss im Auge behielt, ließ der andere seinen Blick unablässig durch die Bar schweifen, um nach potentiellen Angreifern Ausschau zu halten.
Michael wandte sich wieder seinem Besucher zu. „Ja, habe ich! Such dir einen anderen Tisch!“
Schmunzelnd ließ der Mann sich auf die Bank gleiten und legte die Hände auf dem Tisch vor sich zusammen. „Vielleicht sollten Sie sich zuerst einmal anhören, was ich zu sagen habe.“ Als Michael ihn nur böse anfunkelte, fuhr er fort. „Mr. Thomas, ich will nicht lange um den heißen Brei reden. Wir haben uns über sie informiert und wissen, dass Sie momentan ziemlich tief im Dreck stecken.“
Michael knallte das Glas, aus dem er gerade trinken wollte, auf den Tisch. „Was schnüffeln Sie in meinem Leben herum? Das geht Sie einen verdammten Scheiß an! Wer sind sie überhaupt?“
„Mein Name ist Johnson.“ Michael verzog das Gesicht, sagte aber nichts. Er hätte sich denken können, dass er so etwas wie Johnson als Antwort bekommen würde. Schließlich würde der Fremde kaum mit seinem richtigen Namen hausieren gehen.
„Ich vertrete eine Gruppe von... Geschäftsleuten, die Ihnen ein Angebot unterbreiten möchte.“ Michael war das kurze Zögern nicht entgangen, aber er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, was jemand von jemandem so unbedeutendem wie ihm wollte, also blieb er weiterhin still und wartete ab.
Johnson griff in sein Jacket und zog einen CashCube heraus. Das spärliche Licht in der Bar wurde auf der schwarz glänzenden Oberfläche reflektiert, als er ihn auf den Tisch vor sich legte.
„Die 10.000 Credits auf diesem CashCube gehören Ihnen, wenn Sie unser Angebot annehmen. Und...“ Er machte eine Kunstpause, um sicherzugehen, dass Michael ihm genau zuhörte, „... weitere 140.000, wenn sie den Auftrag erfolgreich abschließen.“
Michael zog überrascht die Luft ein, als er hörte, was für Beträge ihm dieser mysteriöse Johnson anbot. 150.000 Credits waren eine ganze Menge, und er konnte das Geld verdammt gut gebrauchen.
„Um was geht es?“ Er versuchte, sich sein Interesse nicht anmerken zu lassen.
Ein zufriedenes Lächeln umspielte die Lippen seines Gegenübers und machte Michael klar, dass sein Versuch gescheitert war.
„Nun, es geht um eine Art Wettbewerb. Eine Jagd, wenn Sie so wollen. Wir würden Sie zu einem Zeitpunkt unserer Wahl innerhalb der nächsten Tage abholen und zum Ort unserer Veranstaltung bringen. Dort treten Sie dann gegen einen Mitbewerber an.“ Bei der Art, wie Mr. Johnson das Wort „Mitbewerber“ betonte, stellten sich Michael die Nackenhaare auf. Er wusste, dass ein Haken an der Sache war.
„Um was geht es genau bei diesem Wettbewerb?“
Johnson betrachtete ihn einen Augenblick, als wenn er abschätzen würde, wie viel er Michael verraten dürfte. Wieder fühlte Michael sich an ein Raubtier erinnert.
„Eine Jagd, Mr. Thomas. Allerdings um eine der besonderen Art.“ Er beugte sich vor und stützte sich auf seine Unterarme auf dem Tisch auf, um dann leiser fortzufahren. „Mr. Thomas, ich muss Sie warnen. Sollte irgendjemand von diesem Gespräch erfahren, egal ob Sie annehmen oder nicht, oder wenn Sie versuchen, uns reinzulegen, dann werden Sie das bereuen. Haben wir uns da verstanden?“ Michael warf wieder einen Seitenblick auf die beiden GenTanks an der Bar und konnte nur nicken.
Johnson, dem Michaels Blick nicht entgangen war, nickte zufrieden. „Sehr gut. Also, um auf Ihre Frage zurückzukommen: Sie werden einen Vorsprung von einer halben Stunde bekommen, um ein bestimmtes, vorher festgelegtes Ziel zu erreichen. Ihr Mitbewerber wird versuchen, das zu verhindern. Dabei stehen ihm je nach seinen persönlichen Vorlieben unterschiedliche Mittel und Wege zur Verfügung.“
Michael lief ein Kälteschauer über den Rücken, bei dem Gedanken daran, wie ein Tier gejagt zu werden.
„Schaffen Sie es bis zur Ziellinie, dann gehören die restlichen 140.000 Credits ebenfalls Ihnen, und Sie können damit machen, was Sie wollen.“
Michael schaute zu dem CashCube und leckte sich die Lippen. Das Geld würde seine dringlichsten Probleme auf einen Schlag lösen. „Und wenn ich es nicht schaffe?“
Sein Gegenüber lehnte sich wieder zurück und wischt sich einen imaginären Fussel von der Schulter, bevor er in einem gleichgültigen Tonfall antwortete. „Wenn Sie es nicht schaffen sollten, wären Sie alle Probleme sowieso los.“ Dabei fixierte er Michael mit einem kalten Blick. Wieder schaute Michael zum CashCube. Er verstand sofort, was das bedeutete. Er hatte bereits ein paar Gerüchte gehört, dass solche Jagden veranstaltet wurden, aber nichts auf das Gerede gegeben. Nun wusste er es besser.
In ihm stritten widersprüchliche Gefühle miteinander. Einerseits hatte er keine große Lust zu sterben. Andererseits steckte er sowieso schon bis zum Hals in Problemen. Vor einer Weile hatte er seinen Job verloren und lebte eine Zeit lang von seinen Ersparnissen. Als die ebenfalls aufgebraucht waren, hatte er sich Geld von jemandem geliehen, von dem man sich besser kein Geld leihen sollte, wenn man sich nicht sicher war, es zurückzahlen zu können. Und genau das war der Knackpunkt. Seine Versuche, einen neuen Job zu bekommen, waren fehlgeschlagen, so dass er nicht in der Lage war, seine Schulden zu begleichen.
Johnson schaute ihn immer noch abwartend an. Schließlich traf Michael eine Entscheidung und nickte. „Abgemacht.“
Wieder lächelte Johnson kurz, bevor er aufstand und auf den CashCube deutete. „Genießen Sie das Geld. Wir werden uns bei Ihnen melden.“ Damit wandte er sich ab und gab den beiden Leibwächtern ein Zeichen, woraufhin die sich rücksichtslos durch die Menge schoben und zu ihm aufschlossen. Die empörten Rufe und Verwünschungen verstummten schnell wieder, als die Angerempelten sahen, mit wem sie im Begriff waren, sich anzulegen. Michael schaute ihnen nach, während sie die Bar verließen. Dann griff er nach seinem Glas und stürzte den Jack in einem Zug hinunter. Ein zweites Glas folgte dem ersten. Schließlich atmete er tief durch. Als er seine Nerven ein wenig beruhigt hatte, ließ er sich das eben Geschehene noch einmal durch den Kopf gehen. So wie es aussah, hatte er eben seinen eigenen Mordkontrakt unterzeichnet. Seufzend griff er in seine Tasche und legte das Geld für seine Drinks auf den Tisch. Dann stand er auf und steckte den CashCube ein. Wenn er schon sterben sollte, dann wollte er vorher wenigstens seinen Spaß haben. Er würde bei seiner Lieblingshure vorbei schauen. Mit soviel Geld in der Tasche sollte sie ihm sicherlich ein paar vergnügliche Stunden bereiten können.
ich hab mich endlich durchgerungen und versucht, den Anfang einer Story zu schreiben. Dazu muss ich sagen, dass es keinen Bezug zu ig-Ereignissen gibt gibt, sondern der erste, stolpernde und zaghafte Versuch ist, ein wenig schriftstellerisch tätig zu sein. Ja, ich weiss, schriftstellerisch ist ein grosses Wort, aber mir fiel kein besseres ein. Seht es einfach als ein wenig von mir abgeschwächt gebraucht ;)
Ich möchte Euch bitten, mir Feedback und Kritik jeglicher Art zukommen zu lassen (ausser purem Geflame, das bringt mir ja nix :) ).
Und an die Mods: Bitte nicht in den RP-Bereich verschieben. Es hat wie gesagt nichts mit ig-Ereignissen zu tun. Ich habe den NC-Hintergrund genommen, weil er mir eine Welt zur Verfügung stellt, in der ich mich einigermassen auskenne.
Und nun die Geschichte:
Michael rannte stolpernd durch die verlassenen Strassen, die von baufälligen Häusern gesäumt wurden. Dabei musste er immer wieder wilden Müllhalden und ausgebrannten Fahrzeugwracks ausweichen. Seine Lunge fühlte sich an, als wenn sie jeden Augenblick platzen würde. Aber er nahm keine Rücksicht darauf, denn er wusste, dass es keine Rolle mehr spielen würde, wenn er nicht durchhielt. Beim Laufen presste er den linken Arm an seinen Körper und versuchte, ihn möglichst ruhig zu halten. Dennoch rasten immer wieder Wogen des Schmerzes durch seine Nerven, die sich direkt bis in sein Gehirn zu brennen schienen und schwarze Punkte vor seinen Augen tanzen ließen.
Verdammt! Worauf hab ich mich nur eingelassen? Dieser Gedanke schoss ihm zum tausendsten Mal durch den Kopf, seitdem er den Startpunkt hinter sich gelassen hatte.
Plötzlich stolperte er über einen Pflasterstein, der unter dem überall wuchernden Unkraut verborgen war. Er versuchte noch, den Sturz zu verhindern, aber sein Schwung riss ihn mit sich. Mit einer unbeholfenen Drehung gelang es ihm, nicht direkt auf das Gesicht zu stürzen, sondern sich über die rechte Schulter einigermaßen abzurollen. Dabei zerriss er sich das ohnehin schon kaputte Hemd endgültig und zog sich weitere blutige Kratzer zu. Als er auf dem Rücken aufschlug, knallte sein Ellbogen gegen den harten Boden. Der Schmerz, der daraufhin in seinem gebrochenen Arm explodierte, raubte ihm für Sekunden das Bewusstsein.
Mit einem Stöhnen und Husten kam Michael schließlich wieder zu sich. Während er darum kämpfte, nicht wieder in die Bewusstlosigkeit zu gleiten, leckte er sich über die aufgeplatzten Lippen. Er schmeckte Blut. Wider besseres Wissens lag er einige Augenblicke einfach nur da und schnappte nach Luft, bevor er sich auf die Seite wälzte und sich halb auf den gesunden Arm aufstützte.
In dem Moment spritzten dort, wo er gerade noch gelegen hatte, Steinsplitter und Dreck auf, und das Geräusch eines Querschlägers erklang, der pfeifend davonflog. Er zuckte zusammen und wurde blass im Gesicht. Entsetzt sprang er auf und verschwendete keine Zeit damit, sich nach dem Schützen umzusehen, sondern spurtete in Richtung eines halb verfallenen Gebäudes, dessen Tür halb herausgerissen worden war. Er wusste, dass sein Jäger wahrscheinlich nicht einmal in der Nähe war, sondern ihn aus der Distanz von einem der Häuser oder Türme, von denen es hier mehr als genug gab, durch das Zielfernrohr seines Scharfschützengewehres beobachtet hatte, bevor er den Schuss auf ihn abgab.
Als er zu seiner eigenen Verwunderung das Gebäude erreichte, ohne von einer zweiten Kugel getroffen zu werden, warf er sich durch den Türbogen in den dahinter liegenden Raum. Sofort rappelte er sich wieder auf, stolperte zurück zu der Wand, in der sich die Tür befand, und duckte sich unter das Fenster.
Scheiße! So eine verdammte Scheiße! Was warst du nur für ein Hornochse! dachte Michael schwer atmend, als er den Schweiß, der ihm in die Augen gelaufen war, mit dem Unterarm wegwischte. Er beugte sich leicht zur Seite und riskierte einen Blick durch die Tür nach draußen, zog aber sofort wieder den Kopf zurück, als ihm klar wurde, dass er damit ein ziemliches Risiko einging.
Wieder leckte er sich über die Lippen, spuckte dieses Mal das Blut aus, und versuchte, die Schmerzen zu ignorieren.
Mit geschlossenen Augen lehnte er den Kopf gegen die verwitterte Wand, von der der Putz bereits in großen Stücken abgeblättert war, so dass das rohe Mauerwerk darunter zum Vorschein kam. Er erinnerte sich an die schicksalhafte Begegnung vor einigen Tagen. Er saß an dem kleinen Tisch in der schummerigen Ecke in der heruntergekommenen Bar und war wie so oft dabei, sich zu betrinken, weil es nicht mehr viel anderes gab, was er noch machen konnte. Es war bereits später am Abend, und die Bar war gut besucht. Die Kundschaft bestand vor allem aus Leuten, die am unteren Ende der Gesellschaft rangierten: Kleinkriminelle, Punks, Mitgliedern von Straßengangs, die man an ihren Tatoos oder anderen Abzeichen erkannte, und Prostituierten und Shadowrunnern, beide auf die eigene Art und Weise auf der Suche nach Aufträgen. Er war schon zweimal von leichten Mädchen angesprochen worden, und jedes Mal musste er sie wieder wie Insekten verscheuchen.
Trübsinnig betrachtete er die Flasche Jacks vor sich, als ein Schatten auf den Tisch fiel. In der Annahme, es sei wieder eine Hure auf der Suche nach Kundschaft, machte er ohne aufzublicken eine wegwischende Handbewegung und knurrte: „Verschwinde! Ich hab kein Geld für sowas!“ Als der Verursacher des Schattens noch immer nicht ging, sah Michael hoch. Was er sah, passte so in etwa in diese heruntergekommene Bar wie ein Mutant nach Via Rosso. Der hochgewachsene schlanke Mann vor ihm trug einen Anzug aus schwarzem Stoff, dem man ansah, dass er teuer und maßgeschneidert war. Michael lehnte sich zurück und betrachtete den Fremden eingehend. Unter dem Anzug konnte er ein dunkelblaues Hemd aus einem schimmernden Stoff und eine passende Krawatte erkennen. Wahrscheinlich war beides aus Seide, aber sicher war er sich nicht. Schließlich gehörte er nicht zu den Leuten, die genug Credits besaßen, sich so etwas leisten zu können. Das kurze Haar schien dunkelbraun oder schwarz zu sein. Genau konnte Michael es im Halbdunkel nicht erkennen. Der Fremde schaute mit einem kalten Lächeln aus dunklen Augen auf Michael herab, bei dem ihm ein Frösteln den Rücken hinab lief. Es erinnerte ihn an ein Raubtier, dass seine Beute beobachtete.
„Is’ was?“ Michael versuchte erst gar nicht, freundlich oder diplomatisch zu sein.
Der Fremde deutete auf den Platz Michael gegenüber. „Haben Sie was dagegen, wenn ich mich setze?“
Michael schaute an ihm vorbei durch die rauchgeschwängerte Luft in Richtung Tresen. Dort hatte sich trotz der Enge in der vollen Bar eine kleine Insel gebildet, in deren Mitte zwei Männer standen. Ihre Größe und muskulöse Statur kennzeichneten sie eindeutig als GenTanks. Beide waren mit der für Mitglieder der Black Dragons typischen schwarzen Weste auf nacktem Oberkörper und der schwarzen Lederhose bekleidet und trugen schwere Pistolen in Holstern unter dem linken Arm. Während der kleinere der beiden den Tisch mit Michael und seinem Boss im Auge behielt, ließ der andere seinen Blick unablässig durch die Bar schweifen, um nach potentiellen Angreifern Ausschau zu halten.
Michael wandte sich wieder seinem Besucher zu. „Ja, habe ich! Such dir einen anderen Tisch!“
Schmunzelnd ließ der Mann sich auf die Bank gleiten und legte die Hände auf dem Tisch vor sich zusammen. „Vielleicht sollten Sie sich zuerst einmal anhören, was ich zu sagen habe.“ Als Michael ihn nur böse anfunkelte, fuhr er fort. „Mr. Thomas, ich will nicht lange um den heißen Brei reden. Wir haben uns über sie informiert und wissen, dass Sie momentan ziemlich tief im Dreck stecken.“
Michael knallte das Glas, aus dem er gerade trinken wollte, auf den Tisch. „Was schnüffeln Sie in meinem Leben herum? Das geht Sie einen verdammten Scheiß an! Wer sind sie überhaupt?“
„Mein Name ist Johnson.“ Michael verzog das Gesicht, sagte aber nichts. Er hätte sich denken können, dass er so etwas wie Johnson als Antwort bekommen würde. Schließlich würde der Fremde kaum mit seinem richtigen Namen hausieren gehen.
„Ich vertrete eine Gruppe von... Geschäftsleuten, die Ihnen ein Angebot unterbreiten möchte.“ Michael war das kurze Zögern nicht entgangen, aber er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, was jemand von jemandem so unbedeutendem wie ihm wollte, also blieb er weiterhin still und wartete ab.
Johnson griff in sein Jacket und zog einen CashCube heraus. Das spärliche Licht in der Bar wurde auf der schwarz glänzenden Oberfläche reflektiert, als er ihn auf den Tisch vor sich legte.
„Die 10.000 Credits auf diesem CashCube gehören Ihnen, wenn Sie unser Angebot annehmen. Und...“ Er machte eine Kunstpause, um sicherzugehen, dass Michael ihm genau zuhörte, „... weitere 140.000, wenn sie den Auftrag erfolgreich abschließen.“
Michael zog überrascht die Luft ein, als er hörte, was für Beträge ihm dieser mysteriöse Johnson anbot. 150.000 Credits waren eine ganze Menge, und er konnte das Geld verdammt gut gebrauchen.
„Um was geht es?“ Er versuchte, sich sein Interesse nicht anmerken zu lassen.
Ein zufriedenes Lächeln umspielte die Lippen seines Gegenübers und machte Michael klar, dass sein Versuch gescheitert war.
„Nun, es geht um eine Art Wettbewerb. Eine Jagd, wenn Sie so wollen. Wir würden Sie zu einem Zeitpunkt unserer Wahl innerhalb der nächsten Tage abholen und zum Ort unserer Veranstaltung bringen. Dort treten Sie dann gegen einen Mitbewerber an.“ Bei der Art, wie Mr. Johnson das Wort „Mitbewerber“ betonte, stellten sich Michael die Nackenhaare auf. Er wusste, dass ein Haken an der Sache war.
„Um was geht es genau bei diesem Wettbewerb?“
Johnson betrachtete ihn einen Augenblick, als wenn er abschätzen würde, wie viel er Michael verraten dürfte. Wieder fühlte Michael sich an ein Raubtier erinnert.
„Eine Jagd, Mr. Thomas. Allerdings um eine der besonderen Art.“ Er beugte sich vor und stützte sich auf seine Unterarme auf dem Tisch auf, um dann leiser fortzufahren. „Mr. Thomas, ich muss Sie warnen. Sollte irgendjemand von diesem Gespräch erfahren, egal ob Sie annehmen oder nicht, oder wenn Sie versuchen, uns reinzulegen, dann werden Sie das bereuen. Haben wir uns da verstanden?“ Michael warf wieder einen Seitenblick auf die beiden GenTanks an der Bar und konnte nur nicken.
Johnson, dem Michaels Blick nicht entgangen war, nickte zufrieden. „Sehr gut. Also, um auf Ihre Frage zurückzukommen: Sie werden einen Vorsprung von einer halben Stunde bekommen, um ein bestimmtes, vorher festgelegtes Ziel zu erreichen. Ihr Mitbewerber wird versuchen, das zu verhindern. Dabei stehen ihm je nach seinen persönlichen Vorlieben unterschiedliche Mittel und Wege zur Verfügung.“
Michael lief ein Kälteschauer über den Rücken, bei dem Gedanken daran, wie ein Tier gejagt zu werden.
„Schaffen Sie es bis zur Ziellinie, dann gehören die restlichen 140.000 Credits ebenfalls Ihnen, und Sie können damit machen, was Sie wollen.“
Michael schaute zu dem CashCube und leckte sich die Lippen. Das Geld würde seine dringlichsten Probleme auf einen Schlag lösen. „Und wenn ich es nicht schaffe?“
Sein Gegenüber lehnte sich wieder zurück und wischt sich einen imaginären Fussel von der Schulter, bevor er in einem gleichgültigen Tonfall antwortete. „Wenn Sie es nicht schaffen sollten, wären Sie alle Probleme sowieso los.“ Dabei fixierte er Michael mit einem kalten Blick. Wieder schaute Michael zum CashCube. Er verstand sofort, was das bedeutete. Er hatte bereits ein paar Gerüchte gehört, dass solche Jagden veranstaltet wurden, aber nichts auf das Gerede gegeben. Nun wusste er es besser.
In ihm stritten widersprüchliche Gefühle miteinander. Einerseits hatte er keine große Lust zu sterben. Andererseits steckte er sowieso schon bis zum Hals in Problemen. Vor einer Weile hatte er seinen Job verloren und lebte eine Zeit lang von seinen Ersparnissen. Als die ebenfalls aufgebraucht waren, hatte er sich Geld von jemandem geliehen, von dem man sich besser kein Geld leihen sollte, wenn man sich nicht sicher war, es zurückzahlen zu können. Und genau das war der Knackpunkt. Seine Versuche, einen neuen Job zu bekommen, waren fehlgeschlagen, so dass er nicht in der Lage war, seine Schulden zu begleichen.
Johnson schaute ihn immer noch abwartend an. Schließlich traf Michael eine Entscheidung und nickte. „Abgemacht.“
Wieder lächelte Johnson kurz, bevor er aufstand und auf den CashCube deutete. „Genießen Sie das Geld. Wir werden uns bei Ihnen melden.“ Damit wandte er sich ab und gab den beiden Leibwächtern ein Zeichen, woraufhin die sich rücksichtslos durch die Menge schoben und zu ihm aufschlossen. Die empörten Rufe und Verwünschungen verstummten schnell wieder, als die Angerempelten sahen, mit wem sie im Begriff waren, sich anzulegen. Michael schaute ihnen nach, während sie die Bar verließen. Dann griff er nach seinem Glas und stürzte den Jack in einem Zug hinunter. Ein zweites Glas folgte dem ersten. Schließlich atmete er tief durch. Als er seine Nerven ein wenig beruhigt hatte, ließ er sich das eben Geschehene noch einmal durch den Kopf gehen. So wie es aussah, hatte er eben seinen eigenen Mordkontrakt unterzeichnet. Seufzend griff er in seine Tasche und legte das Geld für seine Drinks auf den Tisch. Dann stand er auf und steckte den CashCube ein. Wenn er schon sterben sollte, dann wollte er vorher wenigstens seinen Spaß haben. Er würde bei seiner Lieblingshure vorbei schauen. Mit soviel Geld in der Tasche sollte sie ihm sicherlich ein paar vergnügliche Stunden bereiten können.